Autismus verstehen
Autismus ist eine andere Art, die Welt wahrzunehmen, zu verarbeiten und zu kommunizieren. Das Autismus-Spektrum: Sammelbegriff für autistische Ausprägungen. Früher getrennte Diagnosen wie Asperger-Syndrom oder frühkindlicher Autismus gehören heute zu einem gemeinsamen Spektrum. Im Glossar ist breit: Manche Menschen brauchen viel Unterstützung im Alltag, andere leben ganz selbstständig.
Das Wichtigste in Kürze
- Laut WHO ist weltweit etwa 1 von 127 Menschen autistisch.1
- Für Deutschland gibt es keine bevölkerungsweite Studie. Bei Versicherten einer Krankenkasse im Alter bis 24 Jahre hatten zuletzt etwa 0,8 % eine Autismus-Diagnose.8,2
- Früher getrennte Diagnosen wie das Asperger-Syndrom: Frühere Bezeichnung für Autismus ohne Verzögerung der Sprachentwicklung und ohne Intelligenzminderung. Im ICD-11 und DSM-5 im Autismus-Spektrum aufgegangen; in Deutschland wird noch nach ICD-10 kodiert. Im Glossar werden im US-Handbuch DSM-5 zu einem gemeinsamen Spektrum zusammengefasst.3
- Mädchen und Frauen werden häufiger übersehen; das wahre Verhältnis Jungen zu Mädchen liegt eher bei 3 zu 1 als bei 4 zu 1.4
- Autismus ist stark erblich und keine Folge von Erziehung oder Impfungen.5
Was Autismus ist
Autistische Menschen unterscheiden sich vor allem in zwei Bereichen von neurotypischen Menschen: in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie in eingeschränkten, sich wiederholenden Verhaltensweisen und Interessen. Dazu gehört auch eine oft stark veränderte Sinneswahrnehmung – Geräusche, Licht oder Berührungen können deutlich intensiver oder schwächer ankommen.1
Im Alltag zeigt sich das sehr unterschiedlich: als Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Routinen, als tiefes Spezialinteresse: Ein intensives, lang anhaltendes Interesse an einem Thema, wie es viele autistische Menschen haben. Oft eine Quelle von Freude und Expertise. Im Glossar, als wörtliches Verstehen von Sprache, als Erschöpfung nach sozialen Situationen oder als Stimming: Selbststimulierende, oft wiederholte Bewegungen oder Geräusche wie Wippen, Hände bewegen oder Summen. Hilft vielen, sich zu regulieren. Im Glossar, das beim Regulieren hilft.
Ein Spektrum statt vieler Diagnosen
Früher gab es getrennte Diagnosen wie frühkindlichen Autismus, atypischen Autismus und das Asperger-Syndrom. Für das US-Diagnosehandbuch DSM-5: Das US-amerikanische Diagnosehandbuch für psychische Störungen. Seit 2013 dürfen danach Autismus und ADHS gleichzeitig diagnostiziert werden. Im Glossar (erschienen 2013) war bereits 2012 geplant, unter anderem das Asperger-Syndrom in eine gemeinsame Autismus-Spektrum-Diagnose aufgehen zu lassen.3
In Deutschland wird für Befunde und Abrechnung aber weiterhin nach ICD-10-GM: Die in Deutschland derzeit gültige Version der internationalen Klassifikation der Krankheiten. Danach werden Diagnosen kodiert und abgerechnet. Im Glossar kodiert – deshalb stehen auf vielen Befunden noch die alten Bezeichnungen (F84.0, F84.1, F84.5). Wann die ICD-11 in Deutschland eingeführt wird, steht noch nicht fest.6
„Spektrum“ heißt nicht „ein bisschen autistisch bis sehr autistisch“. Gemeint ist, dass sich Stärken und Schwierigkeiten bei jedem Menschen anders verteilen.
Wie häufig ist Autismus?
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 2021 etwa 1 von 127 Menschen autistisch war – rund 0,8 %.1 In den USA wurde zuletzt bei 1 von 31 Achtjährigen Autismus festgestellt; diese Zahl stammt aus einer intensiven Erfassung bei Kindern und lässt sich nicht auf Deutschland übertragen.7
Für Deutschland gibt es nach Angaben der Bundesregierung keine repräsentative Bevölkerungsstudie.8 Abrechnungsdaten der Krankenkasse hkk zeigen, dass der Anteil der 0- bis 24-Jährigen mit Autismus-Diagnose von 0,4 % (2013) auf 0,8 % (2019) stieg und bis 2022 etwa gleich blieb.2 Die Bundesregierung führt den Anstieg der Diagnosen vor allem auf ein gestiegenes Problembewusstsein zurück.8
Autismus bei Mädchen und Frauen
Lange galt, dass etwa viermal so viele Jungen wie Mädchen autistisch sind. Eine große Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass das Verhältnis in Studien, die die Allgemeinbevölkerung gezielt untersuchten, eher bei 3 zu 1 liegt und dass Mädchen, die die Kriterien erfüllen, überproportional oft keine Diagnose bekommen.4
Ein Grund ist Masking: Das bewusste oder unbewusste Verbergen neurodivergenter Eigenschaften, um nicht aufzufallen – zum Beispiel einstudierter Blickkontakt. Kann viel Kraft kosten. Im Glossar: Viele autistische Mädchen und Frauen lernen früh, ihre Eigenheiten zu verbergen. Forschung zeigt, dass sich solches Camouflaging nach Geschlecht unterscheidet und mit schlechterer psychischer Gesundheit zusammenhängt – mehr dazu im Artikel Masking.9
Ursachen
Autismus ist stark erblich: Eine große schwedische Registerstudie schätzt die Erblichkeit auf etwa 83 % – die Autor:innen weisen aber darauf hin, dass die Zahl von der Methode abhängt.5 Autismus entsteht nicht durch Erziehung. Auch einen Zusammenhang mit Impfungen hat die Forschung wiederholt ausgeschlossen; die WHO hält fest, dass Impfungen das Autismus-Risiko nicht erhöhen.1
Was oft dazukommt
Eine große Übersichtsarbeit hat ausgewertet, wie häufig autistische Menschen zusätzliche Diagnosen haben:10
| Begleitende Diagnose | Anteil |
|---|---|
| ADHS | 28 % |
| Angststörungen | 20 % |
| Schlafstörungen | 13 % |
| Depression | 11 % |
| Zwangsstörungen | 9 % |
Wer autistisch ist und ADHS hat, findet mehr unter AuDHS. Typisch für viele autistische Menschen ist auch Reizüberflutung: Zustand, in dem mehr Sinneseindrücke ankommen, als das Nervensystem gerade verarbeiten kann. Englisch: Sensory Overload. Im Glossar – sie hat einen eigenen Artikel: Reizüberflutung, Meltdown, Shutdown.
Unterstützung und Therapie
Autismus „heilt“ man nicht, und das ist auch nicht das Ziel. Es geht darum, Belastungen zu verringern, Fähigkeiten zu stärken und die Umgebung passender zu machen. Für Deutschland gibt es S3-Leitlinie: Die höchste Qualitätsstufe medizinischer Leitlinien in Deutschland: systematisch recherchiert und im Konsens vieler Fachgesellschaften entstanden. Im Glossar zur Diagnostik (Fassung 2016, inzwischen abgelaufen) und zur Therapie (2021).11,12 Wie man zu einer Diagnose kommt und wie lang die Wartezeiten oft sind, steht unter Diagnose und Therapie.
Mythos oder Fakt?
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Häufige Fragen
Gibt es das Asperger-Syndrom noch?
Kann man als Erwachsene:r noch eine Diagnose bekommen?
Sagt man „Mensch mit Autismus“ oder „autistischer Mensch“?
Darüber reden, mit Menschen, die es kennen
Im geschützten Bereich von Neuroknoten tauschen sich Betroffene und Familien aus – ohne Druck und ohne Wertung.
Quellen
- WHO: Fact sheet Autism (2025)
- vdek-Magazin: hkk-Daten zu Autismus bei Kindern und Jugendlichen (2023)
- Spectrum/The Transmitter: New rules allow joint diagnosis of autism, attention deficit (zum DSM-5) (2012)
- Loomes, Hull & Mandy: What is the male-to-female ratio in autism spectrum disorder? JAACAP (2017)
- Sandin u. a.: The Heritability of Autism Spectrum Disorder. JAMA 318(12) (2017)
- BfArM: ICD-11 – Stand der Einführung in Deutschland (2026)
- CDC: Autism Data & Research (ADDM Network) (2025)
- Deutscher Bundestag, Drucksache 21/4918 (Antwort der Bundesregierung zu Autismus-Diagnosen) (2026)
- Cook, Hull, Crane & Mandy: Camouflaging in autism – a systematic review. Clinical Psychology Review (2021)
- Lai u. a.: Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population. Lancet Psychiatry (2019)
- S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 1: Diagnostik (AWMF 028-018, abgelaufen) (2016)
- S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (AWMF 028-047), Kurzfassung (2021)
- CORRECTIV: Unsichtbare Barrieren – Autismus im Erwachsenenalter (2024)
- Kenny u. a.: Which terms should be used to describe autism? Perspectives from the UK autism community. Autism 20(4) (2016)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Stand: 26.10.2026.