Autismus verstehen

Autismus ist eine andere Art, die Welt wahrzunehmen, zu verarbeiten und zu kommunizieren. Das ist breit: Manche Menschen brauchen viel Unterstützung im Alltag, andere leben ganz selbstständig.

ca. 2 Min. Lesezeit Stand: 26.10.2026 14 Quellen In Leichter Sprache lesen

Das Wichtigste in Kürze

  • Laut WHO ist weltweit etwa 1 von 127 Menschen autistisch.1
  • Für Deutschland gibt es keine bevölkerungsweite Studie. Bei Versicherten einer Krankenkasse im Alter bis 24 Jahre hatten zuletzt etwa 0,8 % eine Autismus-Diagnose.8,2
  • Früher getrennte Diagnosen wie das werden im US-Handbuch DSM-5 zu einem gemeinsamen Spektrum zusammengefasst.3
  • Mädchen und Frauen werden häufiger übersehen; das wahre Verhältnis Jungen zu Mädchen liegt eher bei 3 zu 1 als bei 4 zu 1.4
  • Autismus ist stark erblich und keine Folge von Erziehung oder Impfungen.5

Was Autismus ist

Autistische Menschen unterscheiden sich vor allem in zwei Bereichen von neurotypischen Menschen: in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie in eingeschränkten, sich wiederholenden Verhaltensweisen und Interessen. Dazu gehört auch eine oft stark veränderte Sinneswahrnehmung – Geräusche, Licht oder Berührungen können deutlich intensiver oder schwächer ankommen.1

Im Alltag zeigt sich das sehr unterschiedlich: als Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Routinen, als tiefes , als wörtliches Verstehen von Sprache, als Erschöpfung nach sozialen Situationen oder als , das beim Regulieren hilft.

Ein Spektrum statt vieler Diagnosen

Früher gab es getrennte Diagnosen wie frühkindlichen Autismus, atypischen Autismus und das Asperger-Syndrom. Für das US-Diagnosehandbuch (erschienen 2013) war bereits 2012 geplant, unter anderem das Asperger-Syndrom in eine gemeinsame Autismus-Spektrum-Diagnose aufgehen zu lassen.3

In Deutschland wird für Befunde und Abrechnung aber weiterhin nach kodiert – deshalb stehen auf vielen Befunden noch die alten Bezeichnungen (F84.0, F84.1, F84.5). Wann die ICD-11 in Deutschland eingeführt wird, steht noch nicht fest.6

„Spektrum“ heißt nicht „ein bisschen autistisch bis sehr autistisch“. Gemeint ist, dass sich Stärken und Schwierigkeiten bei jedem Menschen anders verteilen.

Wie häufig ist Autismus?

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 2021 etwa 1 von 127 Menschen autistisch war – rund 0,8 %.1 In den USA wurde zuletzt bei 1 von 31 Achtjährigen Autismus festgestellt; diese Zahl stammt aus einer intensiven Erfassung bei Kindern und lässt sich nicht auf Deutschland übertragen.7

Für Deutschland gibt es nach Angaben der Bundesregierung keine repräsentative Bevölkerungsstudie.8 Abrechnungsdaten der Krankenkasse hkk zeigen, dass der Anteil der 0- bis 24-Jährigen mit Autismus-Diagnose von 0,4 % (2013) auf 0,8 % (2019) stieg und bis 2022 etwa gleich blieb.2 Die Bundesregierung führt den Anstieg der Diagnosen vor allem auf ein gestiegenes Problembewusstsein zurück.8

Autismus bei Mädchen und Frauen

Lange galt, dass etwa viermal so viele Jungen wie Mädchen autistisch sind. Eine große Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass das Verhältnis in Studien, die die Allgemeinbevölkerung gezielt untersuchten, eher bei 3 zu 1 liegt und dass Mädchen, die die Kriterien erfüllen, überproportional oft keine Diagnose bekommen.4

Ein Grund ist : Viele autistische Mädchen und Frauen lernen früh, ihre Eigenheiten zu verbergen. Forschung zeigt, dass sich solches Camouflaging nach Geschlecht unterscheidet und mit schlechterer psychischer Gesundheit zusammenhängt – mehr dazu im Artikel Masking.9

Ursachen

Autismus ist stark erblich: Eine große schwedische Registerstudie schätzt die Erblichkeit auf etwa 83 % – die Autor:innen weisen aber darauf hin, dass die Zahl von der Methode abhängt.5 Autismus entsteht nicht durch Erziehung. Auch einen Zusammenhang mit Impfungen hat die Forschung wiederholt ausgeschlossen; die WHO hält fest, dass Impfungen das Autismus-Risiko nicht erhöhen.1

Was oft dazukommt

Eine große Übersichtsarbeit hat ausgewertet, wie häufig autistische Menschen zusätzliche Diagnosen haben:10

Begleitende DiagnoseAnteil
ADHS28 %
Angststörungen20 %
Schlafstörungen13 %
Depression11 %
Zwangsstörungen9 %

Wer autistisch ist und ADHS hat, findet mehr unter AuDHS. Typisch für viele autistische Menschen ist auch – sie hat einen eigenen Artikel: Reizüberflutung, Meltdown, Shutdown.

Unterstützung und Therapie

Autismus „heilt“ man nicht, und das ist auch nicht das Ziel. Es geht darum, Belastungen zu verringern, Fähigkeiten zu stärken und die Umgebung passender zu machen. Für Deutschland gibt es zur Diagnostik (Fassung 2016, inzwischen abgelaufen) und zur Therapie (2021).11,12 Wie man zu einer Diagnose kommt und wie lang die Wartezeiten oft sind, steht unter Diagnose und Therapie.

Mythos oder Fakt?

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Häufige Fragen

Gibt es das Asperger-Syndrom noch?
Im US-Handbuch DSM-5 gehört es zum Autismus-Spektrum.3 In Deutschland wird nach ICD-10-GM aber weiterhin „Asperger-Syndrom“ (F84.5) kodiert, solange die ICD-11 nicht eingeführt ist.6
Kann man als Erwachsene:r noch eine Diagnose bekommen?
Ja, auch wenn es oft schwierig ist: Nur relativ wenige Stellen bieten Diagnostik für Erwachsene an und die Wartelisten sind lang.13 Mehr unter Diagnose und Therapie.
Sagt man „Mensch mit Autismus“ oder „autistischer Mensch“?
In einer großen britischen Befragung bevorzugte ein großer Teil der autistischen Erwachsenen „autistisch“; eine Bezeichnung, die alle teilen, gab es aber nicht.14 Im Zweifel fragen, wie die Person es selbst möchte.

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Quellen

  1. WHO: Fact sheet Autism (2025)
  2. vdek-Magazin: hkk-Daten zu Autismus bei Kindern und Jugendlichen (2023)
  3. Spectrum/The Transmitter: New rules allow joint diagnosis of autism, attention deficit (zum DSM-5) (2012)
  4. Loomes, Hull & Mandy: What is the male-to-female ratio in autism spectrum disorder? JAACAP (2017)
  5. Sandin u. a.: The Heritability of Autism Spectrum Disorder. JAMA 318(12) (2017)
  6. BfArM: ICD-11 – Stand der Einführung in Deutschland (2026)
  7. CDC: Autism Data & Research (ADDM Network) (2025)
  8. Deutscher Bundestag, Drucksache 21/4918 (Antwort der Bundesregierung zu Autismus-Diagnosen) (2026)
  9. Cook, Hull, Crane & Mandy: Camouflaging in autism – a systematic review. Clinical Psychology Review (2021)
  10. Lai u. a.: Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population. Lancet Psychiatry (2019)
  11. S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 1: Diagnostik (AWMF 028-018, abgelaufen) (2016)
  12. S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (AWMF 028-047), Kurzfassung (2021)
  13. CORRECTIV: Unsichtbare Barrieren – Autismus im Erwachsenenalter (2024)
  14. Kenny u. a.: Which terms should be used to describe autism? Perspectives from the UK autism community. Autism 20(4) (2016)

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Stand: 26.10.2026.