Diagnose und Therapie

Eine Diagnose ist kein Urteil, sondern ein Werkzeug: Sie kann erklären, Selbstvorwürfe entkräften und Türen zu Hilfen öffnen. Der Weg dorthin ist in Deutschland aber oft lang. Hier steht, wie er abläuft.

ca. 2 Min. Lesezeit Stand: 26.10.2026 6 Quellen In Leichter Sprache lesen

Das Wichtigste in Kürze

  • ADHS sollen laut Leitlinie Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen mit Erfahrung in ADHS-Diagnostik feststellen – bei Kindern auch Kinder- und Jugendärzt:innen.3
  • Eine Autismus-Diagnose für Erwachsene stellen Psychiater:innen, erfahrene Psychotherapeut:innen oder Spezialambulanzen; die Hausarztpraxis kann überweisen.1
  • Für Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen warten Betroffene laut einer Recherche im Schnitt mehr als ein Jahr, an einzelnen Stellen bis zu vier Jahre.1
  • Bis zur Autismus-Diagnose bei Kindern vergingen in einer deutschen Elternbefragung vom ersten Verdacht an im Mittel mehrere Jahre.2
  • In Deutschland wird weiterhin nach ICD-10-GM kodiert; ein Termin für die ICD-11 steht nicht fest.5

Warum eine Diagnose helfen kann

Lieber Schritt für Schritt? Der Diagnose-Wegweiser zeigt dir nach drei Fragen deinen Weg, den Ablauf der Diagnostik, eine Checkliste und Vorlagen für die Terminanfrage.

Viele Menschen beschreiben die Diagnose als Erleichterung: Endlich gibt es eine Erklärung für Schwierigkeiten, die sie lange für eigenes Versagen hielten. Praktisch ist sie oft die Voraussetzung für Hilfen – etwa einen Nachteilsausgleich, Eingliederungshilfe oder einen Schwerbehindertenausweis (siehe Hilfen und Rechte). Eine Diagnose ist trotzdem freiwillig; manche Menschen entscheiden sich bewusst dagegen.

Wer ADHS diagnostiziert

Die S3-Leitlinie zu ADHS (2026) empfiehlt:3

  • Kinder und Jugendliche: Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen bzw. entsprechend qualifizierte Psychotherapeut:innen oder Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendmedizin – jeweils mit Erfahrung und Fachwissen in der ADHS-Diagnostik.
  • Erwachsene: Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, psychosomatische Medizin oder Nervenheilkunde sowie ärztliche oder psychologische Psychotherapeut:innen.

Bei Kindern kann also auch eine Kinderarztpraxis mit ADHS-Erfahrung die Diagnose stellen.

Zur Diagnostik gehören ausführliche Gespräche, Fragebögen und häufig Angaben von Angehörigen oder Unterlagen aus der Kindheit, etwa Zeugnisse.

Wer Autismus diagnostiziert

Erwachsene: Die Hausarztpraxis kann überweisen, eine Autismus-Diagnose stellen aber Fachärzt:innen für Psychiatrie, Psychotherapeut:innen mit entsprechender Erfahrung oder Spezialambulanzen, oft an Universitätskliniken.1

Wartezeiten: Eine Recherche von CORRECTIV hat knapp 70 Stellen ermittelt, die Diagnostik für Erwachsene anbieten – ein zentrales Verzeichnis gibt es nicht. Viele Wartelisten waren geschlossen; Betroffene warten im Schnitt mehr als zwölf Monate, an einzelnen Stellen bis zu vier Jahre.1

Kinder: Der Weg führt meist über die Kinderarztpraxis zu einer Praxis oder Ambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder zu einem Sozialpädiatrischen Zentrum (). SPZ sind laut Gesetz für Kinder gedacht, die wegen Art, Schwere oder Dauer ihrer Erkrankung nicht von geeigneten Ärzt:innen oder Frühförderstellen behandelt werden können.6 In einer deutschen Elternbefragung (Familien aus drei Spezialambulanzen) vergingen vom ersten Verdacht bis zur Autismus-Diagnose im Mittel etwa viereinhalb Jahre.2

Tipp aus der Community: bei mehreren Stellen gleichzeitig auf die Warteliste setzen lassen, Unterlagen aus der Kindheit schon vorher sammeln und vor dem Termin fragen, ob die Praxis mit der Krankenkasse abrechnet.

Nach der Diagnose

Wie es weitergeht, hängt von Diagnose, Alter und Belastung ab. Die zu ADHS empfiehlt, eine ausführliche Aufklärung () grundsätzlich anzubieten, und – je nach Schweregrad – psychosoziale Hilfen, Medikamente oder beides.3 Für Autismus gibt es eine S3-Leitlinie zur Therapie aus dem Jahr 2021.4

Viele Menschen erleben nach der Diagnose eine Phase der Neuordnung: Erleichterung, aber auch Trauer über verpasste Chancen. Austausch mit anderen, die das kennen, kann helfen – dafür gibt es die Gemeinschaft von Neuroknoten und Selbsthilfegruppen (siehe Anlaufstellen).

Was auf dem Befund steht

In Deutschland werden Diagnosen nach der kodiert – auch 2026 noch. Die neue gilt international seit 2022, ein Einführungstermin für Deutschland steht aber nicht fest.5 Deshalb finden sich auf Befunden noch Bezeichnungen wie „Asperger-Syndrom“ (F84.5) oder „einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ (F90.0).

Mythos oder Fakt?

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Häufige Fragen

Muss ich die Diagnostik selbst bezahlen?
Das hängt davon ab, wo du sie machen lässt. Frag vor dem Termin, ob die Praxis oder Ambulanz mit deiner Krankenkasse abrechnet – manche Praxen arbeiten nur privat.
Was kann ich während der Wartezeit tun?
Unterlagen aus Kindheit und Schulzeit sammeln, sich auf mehrere Wartelisten setzen lassen, Selbsthilfe und Austausch nutzen. Bei akuter Belastung nicht warten, sondern hausärztlich oder psychotherapeutisch Hilfe suchen.
Steht die Diagnose später in meiner Akte?
Ja, Diagnosen werden dokumentiert. Das kann zum Beispiel bei Verbeamtung oder privaten Versicherungen eine Rolle spielen – lass dich dazu im Zweifel beraten.

Darüber reden, mit Menschen, die es kennen

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Quellen

  1. CORRECTIV: Unsichtbare Barrieren – Autismus im Erwachsenenalter (2024)
  2. Höfer u. a.: Pathways to a diagnosis of autism spectrum disorder in Germany – a survey of parents (2019)
  3. S3-Leitlinie ADHS, Version 2.0 (AWMF 028-045), Langfassung, Empfehlung 1.1.2 (2026)
  4. S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (AWMF 028-047), Kurzfassung (2021)
  5. BfArM: ICD-11 – Stand der Einführung in Deutschland (2026)
  6. § 119 SGB V – Sozialpädiatrische Zentren

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Stand: 26.10.2026.