ADHS verstehen
ADHS betrifft die Steuerung von Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulsen. Es beginnt in der Kindheit, bleibt bei vielen bis ins Erwachsenenalter – und hat wenig mit „sich nicht konzentrieren wollen“ zu tun.
Das Wichtigste in Kürze
- Weltweit haben etwa 5–8 % der Kinder und Jugendlichen ADHS, in Deutschland wurde bei 4,4 % der 3- bis 17-Jährigen eine ADHS diagnostiziert.1,2
- Bei Erwachsenen liegt die Häufigkeit bei etwa 2,5–3 %.3,1
- Es gibt drei Erscheinungsbilder: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert.1
- ADHS ist stark erblich mitbedingt; die Ursachen sind vielschichtig, mit genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen.4,1
- Die S3-Leitlinie empfiehlt immer Psychoedukation: Verständliche Aufklärung über eine Diagnose – was sie bedeutet, was hilft. Soll laut ADHS-Leitlinie grundsätzlich angeboten werden. Im Glossar; ob Medikamente sinnvoll sind, hängt vom Schweregrad ab.1
Was ADHS ist
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Betroffen sind vor allem drei Bereiche: die Aufmerksamkeit (sich auf etwas einlassen, dabeibleiben, umschalten), die Aktivität (innere oder äußere Unruhe) und die Impulssteuerung (erst handeln, dann denken). Dahinter stehen oft Schwierigkeiten mit den Exekutive Funktionen: Geistige Steuerungsfähigkeiten wie Planen, Anfangen, Umschalten, Arbeitsgedächtnis und Selbstkontrolle. Bei ADHS häufig beeinträchtigt. Im Glossar – also mit Planen, Anfangen und Organisieren.
Wichtig: ADHS bedeutet nicht, sich nie konzentrieren zu können. Viele Betroffene beschreiben, dass sie sich bei spannenden Themen sehr lange und tief konzentrieren können – den sogenannten Hyperfokus: Ein Zustand sehr tiefer, schwer zu unterbrechender Konzentration auf ein Thema. Von vielen Menschen mit ADHS beschrieben, wissenschaftlich aber noch wenig untersucht. Im Glossar. Das ist eine häufig beschriebene Erfahrung, wissenschaftlich aber noch wenig untersucht und kein Diagnosekriterium.5
Drei Erscheinungsbilder
Die aktuellen Diagnosesysteme (DSM-5 und ICD-11: Die neue internationale Klassifikation der WHO, seit 2022 gültig. In Deutschland noch nicht eingeführt; ein Termin steht nicht fest. Im Glossar) unterscheiden drei Erscheinungsbilder.1
- Vorwiegend unaufmerksam – umgangssprachlich oft „ADS: Umgangssprachlich für ADHS ohne ausgeprägte Hyperaktivität. Fachlich heißt das heute „ADHS, vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“. Im Glossar“ genannt. Wirkt häufig verträumt, vergesslich, schnell erschöpft; fällt weniger auf und wird deshalb oft später erkannt.
- Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv – sichtbare Unruhe, Dazwischenreden, Schwierigkeiten zu warten.
- Kombiniert – beides deutlich ausgeprägt.
Das Erscheinungsbild kann sich im Laufe des Lebens verändern. In Deutschland wird für Abrechnung und Befunde weiterhin nach ICD-10-GM: Die in Deutschland derzeit gültige Version der internationalen Klassifikation der Krankheiten. Danach werden Diagnosen kodiert und abgerechnet. Im Glossar kodiert (zum Beispiel F90.0), auch wenn die WHO die ICD-11 bereits eingeführt hat.1,6
Wie häufig ist ADHS?
| Gruppe | Häufigkeit | Quelle |
|---|---|---|
| Kinder und Jugendliche weltweit | etwa 8 % (große Übersichtsarbeit von 2023); ältere Schätzungen etwa 5 % | 1 |
| Kinder und Jugendliche in Deutschland (3–17 Jahre) | 4,4 % mit von den Eltern berichteter Diagnose | 2 |
| Erwachsene weltweit | etwa 2,6 % mit fortbestehender ADHS | 3 |
| Erwachsene in Deutschland | 3,1 % (40–59 Jahre), 2,1 % (60–80 Jahre) in einer Bevölkerungsstudie | 1 |
Die Zahlen schwanken je nach Methode. Bei Erwachsenen in Deutschland haben sich die Neudiagnosen laut Abrechnungsdaten zwischen 2015 und 2024 etwa verdreifacht (von 8,6 auf 25,7 je 10.000) – am stärksten bei Frauen unter 40.7 Viele Erwachsene erfahren also erst spät, dass sie ADHS haben.
Ursachen
ADHS ist stark erblich: In Zwillingsstudien liegt die Erblichkeit im Mittel bei etwa 74 %.4 Das heißt nicht, dass „74 % der ADHS eines Menschen von den Genen kommen“ – die Zahl beschreibt Unterschiede in der Bevölkerung.
Die S3-Leitlinie beschreibt eine vielschichtige (multifaktorielle) Entstehung aus genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen.1 Genetisch wirken viele Gene mit jeweils kleinen Effekten zusammen.4 Eine einzelne Ursache gibt es nicht.
ADHS bei Mädchen und Frauen
Bei Kindern sind Jungen etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen.1 Häufig wird beschrieben, dass Mädchen und Frauen eher das unaufmerksame Erscheinungsbild zeigen und dadurch weniger auffallen. Dazu passt, dass die Neudiagnosen bei Frauen unter 40 Jahren in Deutschland zuletzt besonders stark gestiegen sind.7 Viele Betroffene beschreiben, ihre Schwierigkeiten jahrelang mit großer Anstrengung ausgeglichen zu haben – mehr dazu im Artikel Masking.
Was oft dazukommt
ADHS kommt selten allein. Bei Kindern hat etwa die Hälfte zusätzlich eine oppositionelle Störung des Sozialverhaltens. Über die Lebensspanne treten häufiger Depressionen, Angststörungen, Lernstörungen, Tics, Suchtprobleme und Autismus auf.1 Wer sowohl autistisch ist als auch ADHS hat, findet dazu mehr unter AuDHS.
Viele Menschen mit ADHS beschreiben außerdem starke Gefühlsschwankungen. Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation: Die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen und ihre Stärke zu steuern. Bei ADHS oft erschwert. Im Glossar gelten als häufige Begleiterscheinung, sind aber kein Kernkriterium. Der Begriff RSD: Rejection Sensitive Dysphoria: ein Erfahrungsbegriff für starke emotionale Reaktionen auf (vermutete) Ablehnung, oft im Zusammenhang mit ADHS genannt. Keine Diagnose, kaum erforscht. Im Glossar (starke Kränkbarkeit bei Ablehnung) ist in der Community verbreitet, steht aber in keinem Diagnosesystem und ist bisher kaum erforscht.8
Was laut Leitlinie hilft
Seit 2026 gibt es eine aktualisierte S3-Leitlinie: Die höchste Qualitätsstufe medizinischer Leitlinien in Deutschland: systematisch recherchiert und im Konsens vieler Fachgesellschaften entstanden. Im Glossar für ADHS über alle Altersgruppen.1 Sie empfiehlt unter anderem:
- Immer: ausführliche Aufklärung über ADHS (Psychoedukation: Verständliche Aufklärung über eine Diagnose – was sie bedeutet, was hilft. Soll laut ADHS-Leitlinie grundsätzlich angeboten werden. Im Glossar) für Betroffene und Angehörige.
- Kinder unter 6 Jahren: vorrangig psychosoziale Hilfen (zum Beispiel Elterntraining); keine Medikamente vor dem 4. Geburtstag.
- Leichte ADHS: vorrangig psychosoziale Behandlung.
- Mittlere ADHS: psychosozial, medikamentös oder kombiniert – je nach Einzelfall.
- Schwere ADHS: vorrangig Medikamente, meist kombiniert mit psychosozialen Hilfen.
Als Medikamente kommen Stimulanzien (Methylphenidat, Amfetamin, Lisdexamfetamin) sowie Atomoxetin und Guanfacin infrage.1 Ob und welches Medikament passt, entscheidet man gemeinsam mit Ärzt:innen. Wie man zu einer Diagnose kommt, steht unter Diagnose und Therapie.
Dieser Abschnitt gibt wieder, was die Leitlinie allgemein empfiehlt. Er ersetzt keine Beratung und ist keine Empfehlung für ein bestimmtes Medikament.
Mythos oder Fakt?
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Häufige Fragen
Ist ADS etwas anderes als ADHS?
Kann man ADHS erst als Erwachsene:r bekommen?
Machen ADHS-Medikamente abhängig?
Wo finde ich Unterstützung?
Darüber reden, mit Menschen, die es kennen
Im geschützten Bereich von Neuroknoten tauschen sich Betroffene und Familien aus – ohne Druck und ohne Wertung.
Quellen
- S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (AWMF 028-045), Langfassung (2026)
- Göbel u. a.: ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – KiGGS Welle 2. Journal of Health Monitoring (RKI) (2018)
- Song u. a.: The prevalence of adult ADHD – a global systematic review and meta-analysis. Journal of Global Health 11 (2021)
- Faraone & Larsson: Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry (2019)
- Ashinoff & Abu-Akel: Hyperfocus – the forgotten frontier of attention. Psychological Research (2021)
- BfArM: ICD-11 – Stand der Einführung in Deutschland (2026)
- Deutsches Ärzteblatt: Inzidenz von ADHS-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen (Studie) (2025)
- Rowney-Smith, Sutton, Quadt & Eccles: qualitative Studie zu Ablehnungsempfindlichkeit bei ADHS (5 Teilnehmende). PLOS One 21(1): e0314669 (2026)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Stand: 26.10.2026.