Was ist Neurodivergenz?
Neurodivergent zu sein heißt: Das eigene Gehirn nimmt wahr, denkt oder lernt deutlich anders, als es die Umgebung erwartet. Das ist zunächst eine Beschreibung von Vielfalt – kein Urteil darüber, ob jemand Unterstützung braucht.
Das Wichtigste in Kürze
- Neurodiversität: Die natürliche Vielfalt aller menschlichen Gehirne – neurotypische eingeschlossen. Eine Gruppe kann neurodivers sein, ein einzelner Mensch ist neurodivergent oder neurotypisch. Im Glossar meint die Vielfalt aller Gehirne. Ein einzelner Mensch ist Neurodivergent: Beschreibt einen Menschen, dessen Gehirn deutlich anders wahrnimmt, denkt oder lernt, als es die gesellschaftliche Norm erwartet – etwa bei Autismus oder ADHS. Im Glossar oder Neurotypisch: Beschreibt Menschen, deren Wahrnehmung und Denken der gesellschaftlich erwarteten Norm weitgehend entsprechen. Im Glossar.4
- Die Begriffe entstanden Ende der 1990er-Jahre in autistischen Online-Gemeinschaften – nicht durch eine einzelne Person.1
- Am häufigsten genannt werden Autismus, ADHS, Legasthenie und Entwicklungsstörungen der Motorik (Dyspraxie).2
- Die oft genannten „15–20 % der Bevölkerung“ sind eine Schätzung, keine Messung.2
- Neurodivergenz ist keine Diagnose. Diagnosen wie ADHS oder Autismus werden einzeln gestellt.
Die Begriffe auseinanderhalten
Im Alltag werden die Wörter oft durcheinander benutzt. Der Autor und Wissenschaftler Nick Walker, auf den sich viele beziehen, unterscheidet sie so:4
- Neurodiversität ist die Vielfalt aller menschlichen Gehirne – auch der neurotypischen. Eine Gruppe, etwa eine Schulklasse, ist neurodivers.
- Neurodivergent ist ein einzelner Mensch, dessen Wahrnehmen und Denken deutlich von der gesellschaftlichen Norm abweicht.
- Neurotypisch ist, wer dieser Norm weitgehend entspricht.
Walker betont: Ein einzelner Mensch kann abweichen, aber nicht „divers“ sein – „ein neurodiverser Mensch“ ist also ungenau.4
Woher die Begriffe kommen
Oft heißt es, die australische Soziologin Judy Singer habe den Begriff „Neurodiversität“ erfunden. Das ist nach heutigem Wissen zu einfach: Die Idee entstand gemeinsam in autistischen Online-Gemeinschaften der späten 1990er-Jahre. Erstmals gedruckt erschienen „neurological diversity“ (1997) und „neurodiversity“ (1998) in Texten des Journalisten Harvey Blume, der die Gedanken ausdrücklich dieser Community zuschrieb. Judy Singer schrieb 1998 eine Abschlussarbeit über eine dieser Mailinglisten und trug viel zur Verbreitung bei.1
Der Begriff „neurodivergent“ wird der autistischen Aktivistin Kassiane Asasumasu zugeschrieben (Ende der 1990er-Jahre).3
Welche Formen dazugezählt werden
Eine verbindliche Liste gibt es nicht. In wissenschaftlichen Übersichten werden vor allem vier Gruppen genannt:2
- Autismus
- ADHS
- Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung)
- Dyspraxie bzw. Entwicklungsstörung der motorischen Koordination
Manche Autor:innen zählen weitere Formen dazu, etwa Tourette, psychische Erkrankungen oder erworbene Hirnschädigungen; andere nicht.2 Wer sich selbst als neurodivergent beschreibt, braucht dafür keine Erlaubnis – für Hilfen und Rechte sind aber meist einzelne Diagnosen nötig (siehe Diagnose und Therapie).
Wie viele Menschen sind neurodivergent?
Die häufig zitierte Zahl „15 bis 20 Prozent“ stammt aus einer Übersichtsarbeit der Arbeitspsychologin Nancy Doyle (2020). Sie leitet diese „vernünftige Schätzung“ aus den Häufigkeiten einzelner Formen, deren Überschneidungen und der Unterdiagnose bei Frauen ab, ohne eine Berechnung offenzulegen. Neue Daten wurden dafür nicht erhoben.2
Ehrlich gesagt: Es gibt keine direkte Erhebung, wie viele Menschen neurodivergent sind. Die Zahl hängt stark davon ab, welche Formen man mitzählt. Belastbarer sind die Zahlen zu einzelnen Diagnosen – etwa in unseren Artikeln zu ADHS und Autismus.
Zwei Sichtweisen: medizinisch und neurodivers
Die medizinische Sicht beschreibt Autismus, ADHS und Co. als Störungen mit Diagnosekriterien. Das ist die Grundlage für Diagnosen, Behandlung und Rechtsansprüche in Deutschland.
Das Neurodiversitäts-Paradigma: Die Sichtweise, dass neurologische Unterschiede natürliche menschliche Vielfalt sind und Behinderung auch durch eine unpassende Umwelt entsteht. Im Glossar versteht diese Unterschiede dagegen als natürliche menschliche Vielfalt. Behinderung entsteht demnach zu einem großen Teil dadurch, dass Umgebung, Schule und Arbeitswelt nicht auf diese Gehirne ausgelegt sind.2
Beide Sichtweisen schließen sich nicht aus: Eine viel zitierte Übersicht betont, dass Behinderung sowohl durch individuelle Merkmale als auch durch die Umgebung entsteht.5 Neuroknoten versteht sich als Ort, an dem beides Platz hat: Stolz auf das eigene Gehirn und die ehrliche Anerkennung, wie anstrengend der Alltag sein kann.
Mythos oder Fakt?
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Häufige Fragen
Darf ich mich neurodivergent nennen, ohne Diagnose?
Ist Neurodivergenz eine Krankheit?
Was ist der Unterschied zwischen neurodivers und neurodivergent?
Darüber reden, mit Menschen, die es kennen
Im geschützten Bereich von Neuroknoten tauschen sich Betroffene und Familien aus – ohne Druck und ohne Wertung.
Quellen
- Botha, Chapman, Giwa Onaiwu u. a.: The neurodiversity concept was developed collectively – an overdue correction on the origins of neurodiversity theory. Autism 28(6) (2024)
- Doyle: Neurodiversity at work – a biopsychosocial model. British Medical Bulletin 135 (2020)
- NPR: How „neurodivergent“ became a word for many types of minds (2025)
- Nick Walker: Neurodiversity – Some Basic Terms & Definitions
- Dwyer: The Neurodiversity Approach(es) – What Are They and What Do They Mean for Researchers? Human Development 66(2) (2022)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Stand: 26.10.2026.